Dez 012010
 

REQUIEM – Werkstattgespräche 2010

Donnerstag, 16. Dezember 2010, 18 Uhr c.t.

Tamara Tolnai M.A. (München)

Die postume Inszenierung eines Kardinals: zum Grabmal Bartolomeo Roverellas in San Clemente, Rom

Bei seinem Tod am 2. Mai 1476 hatte Bartolomeo Roverella, Erzbischof von Ravenna und Kardinal von San Clemente zwar testamentarisch für seine liturgische Memoria in seiner Titelkirche Sorge getragen, aber keine Instruktionen für ein mögliches Grabmal hinterlassen.

Der von Roverella eingesetzte Testamentsvollstrecker errichtete ihm in den Jahren nach seinem Tod ein von Giovanni Dalmata und Andrea Bregno geschaffenes Grabmonument im erhöhten Presbyterium von San Clemente – „eines der gelungensten und zugleich eigenwilligsten Grabmäler des römischen Quattrocento“ (Röll: Giovanni Dalmata 1994, S. 92).

Das Grabmal steht in Dialog mit der benachbarten Kapelle Johannes des Täufers, die auf eine ältere Kapelle zurückgeht und offenbar im ausgehenden 15. und 16. Jahrhundert durch die Familie des Kardinals wesentlichen Erneuerungen und einer Wandlung zur römischen Familiengrablege unterzogen wurde. So wurde die Inszenierung des Kardinals in seiner Titelkirche auch zur Selbstinszenierung der Familie instrumentalisiert.

zum Grabmal des Kardinals Bartolomeo Roverella in der REQUIEM-Datenbank

Ort

Institut für Kunst- und Bildgeschichte

Dorotheenstraße 28

10117 Berlin

Ehem. Lesesaal I, 1. OG links

Treffpunkt

18:00 Uhr im REQUIEM-Büro

Dorotheenstraße 28

10117 Berlin

Raum 212 (1. OG rechts)

Standort – Karte

Jun 192010
 

ARNE KARSTEN, PHILIPP ZITZLSPERGER (Hrsg.) 

VOM NACHLEBEN DER KARDINÄLE

Römische Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit

humboldt-schriften zur kunst- und bildgeschichte.

Hrsg. vom Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Bd. X

Gebr. Mann Verlag Berlin, 2010
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Jun 192010
 

PHILIPP ZITZLSPERGER (Hrsg.): Grabmal und Körper – zwischen Repräsentation und Realpräsenz in der Frühen Neuzeit.

Tagungsband erschienen in kunsttexte.de, Nr. 4, 2010, www.kunsttexte.de.

Inhalt:

  • Philipp Zitzlsperger: Einleitung
  • Philipp Zitzlsperger: Formwandel und Körperwanderung in Rom – Vom Kardinalsgrabmal zum Kenotaph
  • Anett Ladegast: Gesichter des Todes – Gesichter des Lebens. Zum Verhältnis von Körper und Porträt an römischen Grabmälern um 1500
  • Judith Ostermann: Das tote Grabbild eines Regenten und Reformers – Simulacrum des verehrten Körpers
  • Laura Goldenbaum: Der Zeugniswert des Körpers oder anima forma corporis. Der quattrocenteske Bronzegisant des Sieneser Rechtsgelehrten Mariano Sozzini
  • Ruth Slenczka: Bemalte Bronze hinter Glas? – Luthers Grabplatte in Jena 1571 als ’protestantische Reliquie’
  • Kristin Marek: Erscheinungsweisen bildlicher Präsenz: Körper, Verkörperung und Repräsentation am Grabmal
Apr 262010
 

REQUIEM Studientag am 16. April 2010

an der Humboldt-Universität zu Berlin

Grabmal und Körper.

Zwischen Repräsentation und Realpräsenz in der Frühen Neuzeit

REQUIEM Studientag - Plakat

09:15-09:30 Uhr Horst Bredekamp (Berlin): Begrüßung

Sektionsleitung: Arne Karsten

09:30-10:30 Uhr Philipp Zitzlsperger (Berlin): Einführung

Formwandel und Körperwanderung in Rom – Vom Kardinalsgrabmal zum Kenotaph

10:30-11:00 Uhr Kaffee

11:00-12:00 Uhr Anett Ladegast (Berlin):

Gesichter des Todes – Gesichter des Lebens.

Zum Verhältnis von Körper und Porträt an römischen Grabmälern um 1500

12:00-13:00 Uhr Judith Ostermann (Berlin):

Das tote Grabbild eines Regenten und Reformers – Simulacrum des verehrten Körpers

13:00-15:00 Uhr Mittagspause

Sektionsleitung: Horst Bredekamp

15:00-16:00 Uhr Laura Goldenbaum (Berlin/ Florenz):

Der Zeugniswert des Körpers oder ‚anima forma corporis‘.

Der quattrocenteske Bronzegisant des Sieneser Rechtsgelehrten Mariano Sozzini

16:00-16:30 Uhr Kaffee

16:30-17:30 Uhr Ruth Slenczka (Berlin):

Bemalte Bronze hinter Glas? Luthers Grabplatte in Jena 1571 als ‚protestantische Reliquie‘

17:30-18:30 Uhr Kristin Marek (Karlsruhe/ Bochum):

Erscheinungsweisen bildlicher Präsenz: Körper, Verkörperung und Repräsentation am Grabmal

Anschließend Umtrunk und Feier

Die Tagung ist öffentlich und gebührenfrei.

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Kunst- und Bildgeschichte

Dorotheenstr. 28

10117 Berlin

Raum 111 (im Erdgeschoss)

REQUIEM Studientag – Programm – Flyer – PDF

REQUIEM Studientag – Plakat – PDF

Apr 182010
 

Tagungsband des REQUIEM-Studientags „Grabmal und Körper“ 

vom 16. April 2010:

Philipp Zitzlsperger (Hg.): Grabmal und Körper – zwischen Repräsentation und Realpräsenz in der Frühen Neuzeit (Tagungsband)

kunsttexte.de, Nr. 4, 2010

Inhalt:

Apr 162010
 

Tagungsbericht

„Grabmal und Identität – Geschlechterbilder in der Sepulkralkultur“

Humboldt-Universität zu Berlin, 5. Februar 2010

Tagungsbericht von Julian Blunk – 16. April 2010

Die am 5. Februar 2010 in der Berliner Heilig-Geist-Kapelle von Mitgliedern des Requiem-Projekts der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltete Kurztagung „Grabmal und Identität – Geschlechterbilder in der Sepulkralkultur“ verschrieb sich einem innerhalb des wissenschaftlichen Kerngeschäfts der Forschungsgruppe, der systematischen Aufnahme und Analyse römischer Kardinals- und Papstgrabmäler, per definitionem noch wenig beachteten Gegenstand: Der Rolle des Geschlechts in der Begräbniskultur der Frühen Neuzeit.

Nach der Begrüßung durch die Organisatorinnen Alrun Kompa und Anett Ladegast führte Horst Bredekamp mit einer erstaunlichen Beobachtung ins Thema ein: Selbst die frühneuzeitliche sepulkrale Denkmallandschaft der exklusiven Männergesellschaft des hohen Römischen Klerus’ gebe sich bei näherer Betrachtung schnell als ein „Eldorado dominanter Frauen“ zu erkennen. Wurde die Frau in dieser auch nicht als Individuum memoriert, konnte auch oder gerade in den figürlichen Programmen prominenter Papstgrabmäler (Sixtus IV., Julius II., Paul III.) eine umso üppigere weibliche Geschlechtlichkeit zur Schau gestellt werden. Insbesondere in Gestalt der Allegorie emanzipierte sich die Frau dabei immer wieder von allzu servilen Bindungen an die männlichen Figuren der Verstorbenen, zu deren Verherrlichung sie angetreten war, um mitunter ein „furioses Eigenleben“ zu entfalten.

Im Anschluss führte der Beitrag „Geschichte und Geschichten einer Familie: Die Memoria der Barberini in Palestrina“ von Alrun Kompa zunächst ebenfalls in eine reine Männerwelt zurück. Kompa entwarf das Bild einer kompensatorischen Denkmalpolitik Kardinal Francesco Barberinis d. J. († 1738), eines Urgroßneffen Urbans VIII., dessen Familie dem Aussterben ihrer männlichen Linie sowie dem drohenden „Ausverkauf“ ihres Fürstentums Palestrina durch Francescos Bruder Urbano ins Auge zu sehen hatte. Francescos Versuch, dem Niedergang der Barberini zumindest auf bildkünstlerischer Ebene zu begegnen, bestand in der Verlagerung der Familiennekropole aus S. Andrea della Valle in Rom nach S. Rosalia in Palestrina. Seine dort gestifteten, von Bernadino Cametti realisierten Grabdenkmäler beschränkten sich auf das in Genderfragen „zu Erwartende“, nämlich auf die Memoria allein der männlichen Linie, appellierten ebenso eindrücklich wie erfolglos an die Eintracht kommender Barberini-Generationen und wurden später von gleicher Künstlerhand um ein weiteres, höchst ungewöhnliches Monument ergänzt: In einer der Cornaro-Kapelle Berninis verpflichteten Logenarchitektur tragen männliche Figuren zwar die Insignien zweier die Familiengeschichte der Barberini prägender Ämter zur Schau (Präfekt der Stadt Rom, Kardinal), verweigern sich aber – planvoll, so Kompa – als anonyme Amtskörper ihrer konkreten Identifizierung. Auch in Palestrina, so wurde vor allem in der Diskussion deutlich, erweist sich das Bild einer allein aufs männliche Geschlecht reduzierten Erinnerungspolitik schnell als trügerisch. Wurde eine bildkünstlerische Memoria der weiblichen Mitglieder der Familie Barberini auch konsequent ausgespart, konnten Frauen auf den Grabmonumenten der Männer in Gestalt von Allegorien einmal mehr die heimlichen Hauptfiguren der Bildprogramme stellen – eine Konstellation, die sich sicher bereits im Vortrag etwas deutlicher in den Fokus hätte stellen lassen.

Kontrovers diskutiert wurde Laura Goldenbaums Vortrag „anima forma corporis – oder: Ästhetik des Vollendeten“. Goldenbaum besprach die heute im Florentiner Bargello befindliche und ins späte Quattrocento datierte Bronzebüste einer „Incognita“, die von der kunsthistorischen Forschung aufgrund eines vermeintlichen Zuviels an „Dokumentarismus“ und eines ebensolchen Zuwenigs an „Kunstwollen“ zunächst herabgewertet und schließlich vergessen wurde. Beide Urteile konnten über die Engführung von formaler Analyse der wahrscheinlich auf Basis einer Totenmaske gearbeiteten Büste und den neothomistischen physiognomischen Diskursen am Hof der Medici, die in Marsilio Ficino einen ihrer prominentesten Vertreter gefunden hatten, entschärft werden: Offenbarte sich gemäß zeitgenössischer Typenlehren die Seele des Menschen in seiner Erscheinung, so materialisierte sich in der auch für die Büste formgebenden Geometrie von Dreieck und Kreis der „intelligible Plan Gottes“. Gemäß gelungener Ehrenrettung der „Incognita“ erklärte die Referentin die noch immer unbeantworteten Fragen nach Zuschreibung und Identität der Dargestellten (Witwe/Nonne) zur „Nebensache“. Und doch nahm die Diskussion vornehmlich letztgenannte Spuren auf, um schließlich gar die Datierung der allzu „barocken“ Figur ins Quattrocento und mit ihr die gesamte Argumentationslinie Goldenbaums in Zweifel zu ziehen. Dass auch diese Frage letztlich ungeklärt blieb, warf ein möglicherweise umso erhellenderes Licht auf die Totenmaske als einem Präzedenzfall für die Kunstgeschichtsschreibung: Als zu jeder Zeit tendenziell ebenso naturalismusaffines wie „gestaltungsfeindliches“ Artefakt sperrt sich spätestens ein entsprechendes „opus incognito“ einer „Incognita“ recht hartnäckig gegen die herkömmlichen Methoden stilkritischer Datierungsverfahren.

Judith Ostermann widmete sich in ihrem Beitrag „Starke Witwen im frühneuzeitlichen Spanien oder: die Freiheit in der Trauer – Das Grabmal Juana Pimentels und der Aufstieg eines Adelsgeschlechts“ einer der ambitioniertesten Grabstiftungen Spaniens. Die beiden opulenten Freigräber Don Alvaros de Luna und seiner Witwe Juana de Pimentel in der Kathedrale von Toledo, die im Verbund mit der sie umgebenden Kapellenausstattung dynastische Heraldik und monastische Ikonografie zu einem homogenen Programm verschränkten, zielten, so Ostermann, ganz auf die politische Rehabilitierung Don Alvaros: Nach einer steilen Günstlingskarriere unter Johann II. hatte dieser zunächst zu politischer Macht gelangen können, war daraufhin jedoch in Ungnade gefallen und zum Tode verurteilt worden. Im Kampf um das Erbe der Eltern galt es deshalb für Alvaros Witwe Juana und beider Tochter Maria Pimentel, mittels ihrer Grabstiftungen in Toledo das väterliche Image der politischen Hybris in ihr Gegenteil umzukehren.

Anett Ladegast setzte sich in ihrem Vortrag „Das Geschlecht der Erinnerung – Frauenfrömmigkeit und Grabmalskultur in S. Agostino, Rom“ das anspruchsvolle Ziel, den „Grabmalskosmos“ der im 15. Jahrhundert neu erbauten und seither als Nekropole genutzten Augustinerkirche als Ganzes in den Blick zu nehmen, um die gesellschaftliche Rolle der Frau in der Sepulkralkultur der Frühen Neuzeit auszuloten. Dabei diente ihr neben der exemplarischen Untersuchung einzelner Grabmäler insbesondere eine quantitative Bestandsaufnahme des memorialen Denkmalensembles, um einen überraschend hohen Frauenanteil unter den Bestatteten und eine hohe weibliche Aktivität auch auf dem Gebiet der Patronage im 15. und frühen 16. Jahrhundert sowie einen geschlechtsübergreifenden Rückgang der Kirchenbestattungen infolge entsprechender Verordnungen des Konzils von Trient (1545-63) zu diagnostizieren. Explizit verwies Ladegast auf den Umstand, dass unser Bild frühneuzeitlicher Grabensembles vor allem aus Fehlstellen bestehe, die auch jenes diesbezüglicher Geschlechterrollen mitunter deutlich verunklären oder verschieben können. Als Parameter der „Gewährleistung von Erhalt“, so Ladegast, kämen in S. Agostino tendenziell das künstlerische Niveau eines Grabdenkmals wie auch der Rang eines Verstorbenen, nicht aber dessen Geschlecht in Betracht. Da in S. Agostino in der Frühen Neuzeit gerade Grabmäler von Frauen die künstlerischen Höhepunkte des sepulkralen Ensembles markierten (Costanza Ammanati † 1477, Pantalisia Grifi † 1527), wurde auch in der Diskussion noch einmal bestätigt, dass neben der Quantität stets auch die Qualität einzelner Monumente eines Referenzsystems in den Blick genommen werden müsse, um zu adäquaten Beurteilungen etwa der Rolle einer gesellschaftlichen Gruppe in dessen Binnensphäre gelangen zu können. Über beide Pfade jedoch wurde deutlich: Die Rolle der Frau in der Sepulkralkultur von S. Agostino war alles andere als marginal.

Aleida Assmanns Abendvortrag „Erinnerung und Trauer im Spiegel der Geschlechter“, der den Saal noch einmal spürbar füllte, verließ das Feld der Grabkunst, um jenes der ritualisierten Trauer zu betreten. In einem Streifzug durch die Kulturgeschichte der Menschheit (Altägypten, England der Reformation, Deutschland und Israel der Nachkriegszeit) lokalisierte Assmann zunächst „Archetypen weiblicher Trauer“ in der altägyptischen Götterwelt (Isis als trauernde Witwe von Osiris) und in der christlichen Religion (die Pietà, Maria als trauernde Mutter Jesu), die kulturelle Praktiken und diesbezügliche Geschlechterrollen determinieren konnten. So sei der Leib des Toten und die retrospektive Erinnerungs- und Trauerarbeit lange Domäne der Frau (etwa: Klageweiber), die der prospektiven Verwaltung von Namen und Fama eines Toten jene des Mannes gewesen. In Bezug auf Letztere stelle etwa Horus, der Sohn von Isis und Osiris, einen archetypischen Gegenentwurf zur trauernden Frau dar. Blieben zunächst sowohl die Trauer als die Verwaltung irdischen Nachruhms lange positiv konnotiert, brachte insbesondere die Reformation in England eine deutliche Zäsur mit sich, indem sie zwar nicht die geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen, wohl aber ihre Wertigkeit neu definierte. Mit der Abschaffung des Konzepts des Purgatoriums sei die Grenze zwischen Leben und Tod radikalisiert, mit der Aufgabe der altgläubigen Marienverehrung zudem auch die „Pathosformel der weiblichen Trauer“ marginalisiert worden. Demgemäß traten etwa in Shakespeares Dramen nun rachsüchtige „Furien des Erinnerns“ anstelle der mit Übergangsritualen betrauten Frauen auf. In Folge des zweiten Weltkriegs habe das Motiv der trauernden Frau eine neuerliche Renaissance erlebt. Während es in Deutschland jedoch einer „Privatisierung und Verwässerung“ unterlag, machte die israelische „Erinnerungsgesellschaft“ die Memoria bald schon zur Sache des Mannes und schrieb der Frau das Vergessen zu.

Hätte man sich – umso mehr vor dem Hintergrund der thematischen und methodischen Heterogenität der gebotenen Beiträge – auch eine Abschlussdiskussion über das Allgemeine im Besonderen wünschen mögen, so gewährte die gelungene Tagung doch nicht nur einen Einblick in das Erkenntnispotential der Kategorie „Geschlecht“ in der Grabmals- und Erinnerungskultur, sondern riss immer wieder auch mögliche allgemeingültige Tendenzen an: So erhielten Frauen (wie Männer) als historische Personen in der Regel nur dann ein repräsentatives Erinnerungsmal, wenn sie im Leben – ob nun vom Erbrecht begünstigt oder aus anderen Gründen – selbst zum politischen Akteur oder zum Politikum geworden waren. Als Ausnahme von der Regel bestätigen somit auch die durch Grabmäler memorierten wie die durch Grabmäler memorierenden Frauen der Geschichte die enge Bindung von Erinnerung und (meist männlich dominiertem) politischem Tagesgeschäft. Dass sich die Frau „als solche“ in den Bildprogrammen der Grabmäler von Männern einer mitunter erheblichen Präsenz erfreuen konnte, wurde mehrfach als kausale Folge respektive als Kehrseite der weitestgehenden Rollenlosigkeit des weiblichen Geschlechts im politischen Erinnerungsspiel patriarchaler Gesellschaften vorgeschlagen: Gerade das „semantische Vakuum“ der weiblichen Figur musste immer wieder zu deren allegorischer Kodierung einladen. Allemal hat sich gezeigt: Über Charakter, Qualität und Durchlässigkeit geschlechtsspezifischer Sphären- oder Rollenzuweisungen, verlaufen deren Grenzen nun zwischen Historie und Allegorie oder zwischen Perspektive und Retrospektive, darf und sollte weiter gesprochen werden.

Diese Tagungsbesprechung finden Sie in Kürze unter:

http://www.arthist.net/DocCoD.html

Apr 162010
 

Tagungsbericht: Grabmal und Körper. Zwischen Repräsentation und Realpräsenz in der Frühneuzeit

16.04.2010, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 12.06.2010, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3149.

Bericht von: Olaf B. Rader, Monumenta Germaniae Historica, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

„REQUIEM – Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit“ zählt zweifellos zu den aktiveren Forschungsprojekten in der deutschen Wissenschaftslandschaft der letzten Jahre. Davon zeugt nicht nur eine im Internet frei zugängliche, beständig wachsende Datenbank zu den päpstlichen- und kardinalizischen Forschungsobjekten[1] und eine Fülle von Publikationen (soeben ist ein Band zu Kardinalskapellen der Frühen Neuzeit erschienen)[2], sondern auch eine in ihrer Frequenz wie thematischen Bandbreite eindrucksvolle Reihe von Tagungen zum Arbeitsfeld „Tod und Erinnerungskultur“[3].

In diesem Kontext fand am 16. April 2010 das Kolloquium zum Thema „Grabmal und Körper“ am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität statt. In seiner Einführung umriss der Projektleiter HORST BREDEKAMP (Berlin) noch einmal die Grundthese der Projektarbeit, dass die Art und Form der Grabmäler von den Nachfahren bestimmt werden und so ihre Orientierung auf die Zukunft offenbaren.

PHILIPP ZITZLSPERGER (Berlin) verfolgte in seinem Vortrag „Formenwandel und Körperwanderung in Rom – Vom Kardinalsgrabmal zum Kenotaph“ verschiedene Entwicklungsstränge römischer Kardinalsgrabmäler im 16. Jahrhundert. Die Haupttendenz im Zeitalter der katholischen Reform ging, wie er zeigen konnte, vom Grabmal zum Scheingrab: Während vor 1550 Grabmal und sterbliche Überreste noch eine Einheit bildeten, wurden sie im Zeitalter nach dem Konzil von Trient zunehmend getrennt. Zudem wurde das sepulkrale Kardinalsporträt im Laufe der Entwicklung zwischen 1500 und 1600 immer „belebter“, erst in Form eines Demigisant auftretend, dann, ab 1550, setzte sich die regelrechte Porträtbüste durch. Das posttridentinische Kardinalsgrabmal erscheint damit als ein „Altargrabmal“, dass zudem mit einer belebten Porträtbüste des Verstorbenen versehen ist. An Zitzlspergers Ausführungen schloss eine Debatte um die zentrale Frage an: Worauf bezog sich eigentlich das Gebetsgedenken? Und woran kristallisieren sich letztendlich die Erinnerungen? An den realen sterblichen Gebeinen, oder an den Scheingräbern? Da zwischen 1500 bis 1600 viele Grabdenkmäler sich formal immer mehr einem Altar annäherten, könnte man eigentlich von „einer Art Mimikri sprechen“ wie Arne Karsten in der angeregten Diskussion anmerkte, und im Hinblick auf mögliche Auftraggebermotive vor dem Hintergrund massiver theologischer Kritik am Grabmal nach dem Reform-Konzil von Trient zuspitzte: „Wir tarnen das Grabmal als Altar, dann wirkt es theologisch korrekter und fällt nicht so stark als Gegenstand familiärer Selbstdarstellung in Auge!“

Im abschliessenden Beitrag führte ANETT LADEGAST (Berlin) unter dem Titel „Gesichter des Todes – Gesichter des Lebens. Zum Verhältnis von Körper und Portrait an römischen Grabmälern um 1500“ aus, dass die Jahrzehnte um das Jahr 1500 eine Schlüsselstelle für die Entwicklung des römischen Grabmalsporträt darstellten. Die Veränderungen der Grabmalsgestaltung zwischen Gotik und Frührenaissance hatten noch vor allem in einem stilistischen Wandel bestanden, der die Architektur und Ornament der Grabmäler betraf, weniger aber Figurenprogramm oder Porträttypus. Der auf Bahre oder Sarkophag liegende Gisant bildete auch in der Frührenaissance das Zentrum der Wandgrabmäler. Erst zum Ende des 15. Jahrhunderts fand mit der nach antikem Vorbild gestalteten Büste eine neue Porträtform Eingang in die römische Sepukralskulptur, welche ein völlig neues Bildkonzept mit sich brachte. Mit dem Aktivierungsprozess der Porträtdarstellungen über Demigisants bis hin zur aufrecht thronenden Ehrenfigur entstanden vielfältige Porträtformen, welche zwischen der Darstellung des Verstorbenen als Ganzfigur oder Büste, als tot, schlafend oder aktiv und hochlebendig variierten.

JUDITH OSTERMANN (Berlin) zog in ihren Ausführungen „Das tote Grabbild eines Regenten und Reformers – Simulacrum des verehrten Körpers. Kardinal Francisco Ximenez de Cisneros (1436–1517)“ den Vergleich mit Spanien. Der berühmte Kardinal, Erzbischof von Toledo, Großinquisitor sowie Regent von Kastilien, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im frühneuzeitlichen Spanien, erhielt nach seinem Tod eines der teuersten Grabmäler in der Geschichte der spanischen Sepulkralkunst. Es ist formal und entstehungsgeschichtlich so eng mit jenen Monumenten verbunden, die zuvor für die Katholischen Könige in Avila und Granada ausgeführt worden sind, dass das Grabmal in Alcalá de Henares den Kardinal offenbar in eine Reihe mit der königlichen Familie stellen sollte. Doch obwohl der Kirchenfürst eine Art Herrschergrabmal bekommen hatte, ließ der Beginn eines Heiligenkults um seine Person einen heftigen Streit um den Bestattungsort und den Besitz der Knochen aufkeimen. In der anschließenden Diskussion ging es darum, ob dieses Phänomen die Diskrepanz zwischen den Auffassungen der Volksfrömmigkeit und der theologischen Grundlagen zeigt. Und: Wenn die Bilder die Körper ersetzen sollen, warum streitet man sich dann noch um die Knochen?

LAURA GOLDENBAUM (Berlin/ Florenz) sprach über den „Bronzegisant des Mariano Sozzini (gest.1467)“, der aufbewahrt im Florentiner Museo Nazionale del Bargello, zuallererst das Bild eines Leichnams, eines individuell benannten und auf Grund seiner Kopfbedeckung als Amtsperson des Juristen gekennzeichneten Toten ist. Nach dem heutigen Wissensstand kann diese Grabfigur Sozzinis als die erste in Bronze gefertigte Abbildung eines Toten gelten, die zweifellos mit Hilfe der Integration von Körperabdrücken des Leichnams in das Gussmodell realisiert wurde. Dieser Zusammenhang zwischen Gussmaterial und Totenmaskenreferenz sollte seitdem zum festen Kanon für nachfolgenden Gisants werden. Der Vortrag widmete sich zudem der Frage, auf welche Weise bei der Grabfigur Mariano Sozzinis der Körper selbst zum Zeichenträger geworden war.

Einen spektakulären Vergleich der römischen Sitten mit dem Protestantismus entwickelte RUTH SLENCZKA (Berlin) in ihren Ausführungen. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen gab nach dem Tod Martin Luthers 1546 ein Bronzegrabmal in Auftrag, das in der Formensprache nicht an den Professorengrabmälern in der Wittenberger Schlosskirche, sondern an den dort befindlichen Kurfürstengräbern aus der Nürnberger Vischerwerkstatt orientiert war. Doch die Pointe: Dieses Grabmal kam erst 23 Jahre nach seiner Fertigstellung zur Aufstellung und zudem gar nicht am geplanten Ort, sondern in Jena. Dabei erfuhr das Bildnis des Reformators durch eine aufwendige Rahmenarchitektur, ein Gitter, eine Verglasung und eine Bemalung eine beispiellose Auratisierung. Und die historischen Hintergründe, die zur Trennung von Grabstätte und Aufstellungsort des Grabmals führten, erlauben zudem Rückschlüsse auf die Besonderheiten der reliquienartigen Inszenierung des Lutherbildnisses in Jena in ihrer konfessionellen Programmatik.

Den Abschluss gab KRISTIN MAREK (Karlsruhe/ Bochum), die im Sinne des von ihr und Thomas Macho herausgegebenen Band „Die neue Sichtbarkeit des Todes“ durch ihren Vortrag dem Verhältnis von Bild und Körper am Beispiel von Funeralien und Grabmonument von Eduard II. von England nachging. Dabei zeigte sich, dass Bild und Körper Kategorien darstellen, die sich nicht klar voneinander trennen lassen, sondern im Gegenteil sehr verwoben sind. Darum lässt sich auch die Frage von Bild und Körper am Grabmal nicht in eine klare Dichotomie auflösen: Bild oder Körper? Vielmehr bedingen Körper und Bild einander und überlagern sich vielfach. Und das schließt selbst auch den Leichnam mit ein, der nur eines von vielen möglichen Körperbildern darstellt. Körper, Verkörperung und Repräsentation sind darum keine bloßen Abstufungen bildlicher Präsenz, sondern vielmehr deren potentielle Erscheinungsweisen und Variablen dessen, was zum Körperbild wird. So arbeiten Effigies, Grabbild, Leichnam und lebender Körper daran mit, was schließlich posthum als Körperbild des Toten erscheint.

Die Tagung zog eine überaus perspektivenreiche Bilanz der aktuellen frühneuzeitlichen Grabmalsforschung, auch wenn und gerade weil deutlich wurde, dass das Problem, woran letztlich die Erinnerung haften: an der Materialität der sterblichen Reste oder nur am Grabdenkmal, noch lange nicht gelöst ist. Der Laborcharakter des REQUIEM-Projekts zeigt auch in dieser Hinsicht, wie Kunsthistoriker und Historiker erfolgreich aus Drittmittelprojekten und den über einen langen Zeitraum erfasste Massendaten wertvolles Wissenskapital schlagen können. Die Forschungsbilanz dieser Tagung bestätigt eindrucksvoll Horst Bredekamps Einführungsthese: „Das Grabmal lebt!“

Konferenzübersicht:

Horst Bredekamp: Begrüßung

Philipp Zitzlsperger: Formwandel und Körperwanderung in Rom – Vom Kardinalsgrabmal zum Kenotaph

Anett Ladegast: Gesichter des Todes – Gesichter der Lebenden. Zum Verhältnis von Körper und Porträt an römischen Grabmälern um 1500

Judith Ostermann: Das tote Grabbild eines Regenten und Reformers – Simulacrum des verehrten Körpers

Laura Goldenbaum: Der Zeugniswert des Körpers oder ‚anima forma corporis‘. Der quattrocenteske Bronzegisant des Sieneser Rechtsgelehrten Mariano Sozzini

Ruth Slenczka: Bemalte Bronze hinter Glas? Luthers Grabplatte in Jena 1571 als ‚protestantische Reliquie“

Kristin Marek: Erscheinungsweisen bildlicher Präsenz: Körper, Verkörperung und Repräsentation am Grabmal

Anmerkungen:

[1] http://www2.hu-berlin.de/requiem/db (07.06.2010).

[2] Arne Karsten und Philipp Zitzlsperger (Hrsg.), Vom Nachleben der Kardinäle. Römische Kardinalsgrabmäler der Frühen Neuzeit (Humboldt-Schriften zur Kunst- und Bildgeschichte X), Berlin 2010.

[3] Genannt seien nur die jüngsten Tagungen zum Thema „Das Grabmal des Günstlings“ im Mai 2009 hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2664 (07.06.2010) sowie „Grabmal und Identität. Geschlechterbilder in der Sepulkralkutur“ im Februar 2010 hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=13116 (07.06.2010).

Apr 152010
 

Kolloquium: Medici vs. Della Rovere. Zwei Herrscherfamilien der italienischen Renaissance und ihre Propaganda

Donnerstag, 29. April, 10.15-13.00 Uhr, Raum MIS 2118

Prof. Dr. Arne Karsten, Prof. Dr. Volker Reinhardt, M.A. Anett Ladegast, lic. phil. Ivo Bizozzero

Université Fribourg

Lehrstuhl für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit

Avenue de l’Europe 20

CH-1700 Freiburg

http://lettres.unifr.ch/de/hist/geschichte/geschichte-der-neuzeit.html

Flyer_Vortrag_Karsten_Kolloquium_April_2010 – PDF